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Mit einigem Getöse, mit Sekt (Stößchen!) und Butterzopf haben die Stadtverwaltung Rottweil und der Investor der Fußgänger-Hängebrücke deren Spatenstich gefeiert. Rottweil habe den Mut zur Brücke, hieß es. Was Oberbürgermeister Chris Schrei und alle anderen dem Brücken-Projektleiter und seinem Chef unterschlugen: Die Jahre der Verzögerung nutzt die Stadt längst für ein attraktives Konkurrenzprojekt!
Brückentag in Rottweil: Die Hängebrücke, mit deren Errichtung die Arbeiter begonnen haben, soll die wichtigsten Sehenswürdigkeiten in Rottweil auf kürzestem Weg verbinden, heißt es. Als da wären: auf der einen Talseite der Testturm von TK Elevator, der von den Star-Architekten Werner Sobek und Helmut Jahn entworfen wurde und Deutschlands höchste Aussichtsplattform mit einem Blick auf 232 Meter Höhe bis zum Schwarzwald, der Schwäbischen Alb und den Alpen bietet. Und auf der anderen Seite gelangt man in den Bockshof, eine kleine Parkanlage am Rand der mittelalterlichen Innenstadt mit ihren prächtigen Erkern, gotischen Kirchtürmen und stolzen Wehrbauten. Nach Rottweil, halt, dem prächtigen Zentrum der westlichen Welt, mindestens.
Diese Brücke, also, soll die kürzeste und zugleich attraktivste Verbindung werden zwischen dem Testturm und dem Berner Feld und der stolzen alten Reichs- und Narrenstadt. Allerdings: Es ist eine fußläufige Verbindung. Und eine für Leute mit guten Nerven. Zu diesen gehört Oberbürgermeister Schrei dem Vernehmen nach nicht. Er werde vermutlich „mit wackligen Knien“ über die Brücke wanken, unkte er beim Spatenstich. Später, am Stammtisch, wurde er deutlicher: „Ich kann mir nicht vorstellen, dass allzu viele Leute diese Brücke überqueren werden.“ Die wackle doch wie ein Kuhschwanz, da werde einem doch furchtbar schlecht. Und mit vollen Einkaufstüten nach einer ausgedehnten Shoppingtour durch Rottweils Einzelhandel, sei die Überquerung zurück zum Berner Feld, zum Parkplatz und zum Auto dort, gleich gar nicht machbar.
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Offenbar plagen diese Gedanken Schrei schon länger. So berichten Ohrenzeugen seiner Klagrede, dass die Stadt im Rahmen ihres Mobilitätskonzepts längst an einem viel bequemeren Fortbewegungsmittel arbeitet. Und zwar im Wortsinne: Es wird bereits gebaggert, gegraben, geschaufelt. Gemäß dem Motto von OB Schrei: „Man soll nur gackern, wenn man was zu legen hat, erst dann kommunizieren, wenn man was vorzuzeigen hat.“
Tatsächlich ist die Stadtverwaltung Rottweil bei diesem Vorhaben noch um einiges weiter gegangen, als sie dies in der Vergangenheit bei neuen Projekten getan hat. Schrei ließ Fakten schaffen. Und führte die Bevölkerung bislang hinters Licht. So wird laut einer Mitteilung der Stadt der Münsterort umgestaltet. Die Pläne von Fachbereichsleiter Mudolf Rager und Gartin Mass von der Firma Gaktorfrün betreffen außer dem Münsterplatz noch die Schulgasse, Pfarrgasse, Rathausgasse, Münsterplatz sowie den Hof am Alten Rathaus. Demnach soll der Münsterplatz an der dem alten Rathaus zugewandten Ecke eine Freitreppe erhalten. Der untere Teil wird angehoben und aufgefüllt.
Und wozu wohl? Um eine U-Bahn-Station „Münsterplatz“ unterbringen zu können! Die neue Linie, die laut Schreis Ohrenzeugen RW1 heißen soll, werde wohl am Berner Feld starten, dann die Innenstadt anfahren. Das geschieht wahrscheinlich überirdisch und über eine größere Strecke direkt an der geplanten Hängebrücke entlang, sodass die Fahrgäste den Fußgängern hämisch zuwinken können, wie Schrei lächelnd gewitzelt haben soll. Unter dem Kriegsdamm wird die Linie unterirdisch, kurvt unter dem Parkhaus hindurch nach links und erreicht die erste Station, den Münsterplatz.
Anscheinend wird hinter den Kulissen diskutiert, wie die Linie dann weitergeführt werden soll. Der Ältestenrat, das Gremium, das nicht-öffentlich gerne Fakten schafft, will Richtung Stadtgraben graben lassen, um dort, am Eingang zur Landesgartenschau, noch zwischen Hoch- und Gartenschaubrücke eine überirdische Station einfügen zu können. Sodann seien die Teilorte anzufahren. Und natürlich der Ortsteil Bühlingen. Zimmern könne angeschlossen werden, wenn sich die dortige Bevölkerung bereit zeigt, sich nach Rottweil eingemeinden zu lassen. Ganz visionären grünen Geistern im Gemeinderat schwebt eine Weiterführung nach Balingen vor, auf einem alten Nebengleis, dem Kreistag zum Trotz. Aus der Nachbarstadt kommen Signale der Zurückhaltung. Rottweil habe doch „eh schon alles“, heißt es von dort ein wenig verschnupft, an einer U- oder Schnellbahnlinie wolle man sich nicht beteiligen. Balingen sei bereits mit dem Auto sehr gut erreichbar und biete innenstadtnahe Parkplätze zuhauf.
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Kalt erwischt zeigte sich dieser Tage der Hängebrückeninvestor Gentür Aberherdt. Seine Brücke biete „ein einzigartiges Erlebnis: hochmoderne Architektur auf der einen Talseite, historische Schätze auf der anderen und dazwischen die Naturlandschaft des Neckars“, erinnerte er. All das biete eine U-Bahn nicht. Außerdem betrachte er es geradezu als einen Affront, dass Rottweil ein alternatives Fortbewegungsmittel baue, eine Konkurrenz zu seiner Brücke. Und dass er das aus der Fasnetspresse erfahren müsse. Ebenso zeigte sich der Brücken-Projektleiter und Narrenpräsident im Nebenberuf, Ralond Gaah, „nicht gerade glücklich über die überraschende Wendung“, wie er auf Nachfrage sagte.
Unterdessen hat die Stadt bereits Quellen zufolge einen Betreiber für die Bahn gefunden: Heusar Touristik auf dem Berner Feld. Der Geschäftsführer des Unternehmens, Exal Lekker, wollte die Zusammenarbeit weder bestätigen, noch dementieren. Aber er meinte: „Natürlich könnten wir das stemmen. Alles andere sind Pimpelhuber, aber Heusar Touristik, täglich Blumenriviera und zurück, kommt auch mit dem Betrieb einer U-Bahn klar.“